Sommelier Artur Bodini im Interview: „Gebt albanischem Wein die Chance, sich zu beweisen“
FISAR-Sommelier Artur Bodini über albanischen Wein: warum er ihn auf dem Niveau Italiens und Frankreichs sieht – Einstieg, Vorurteile und Export.
Über albanischen Wein schwärmen – das können viele. Aber wenn es ein ausgebildeter Sommelier sagt, dessen Beruf das fachkundige Bewerten von Wein ist, ist es kein Schwärmen mehr, sondern ein fachliches Urteil. Genau darum ist dieses Gespräch besonders.
Artur Bodini ist Delegierter des italienischen Sommelierverbands FISAR für die Provinzen Lecce, Brindisi und Taranto. FISAR – die Federazione Italiana Sommelier Albergatori Ristoratori – ist einer der größten Sommelierverbände Italiens; ein Delegierter leitet ihn in seinem Gebiet und verkostet regelmäßig Weine aus aller Welt. Bodini kennt also die Maßstäbe, an denen Wein international gemessen wird, aus erster Hand. Er kam 1991 als 17-Jähriger aus Albanien nach Italien, bildet heute Sommeliers aus – darunter gezielt albanische – und ist zu einer der sichtbarsten Stimmen geworden, die italienische Weinkultur und albanische Herkunft verbinden.
Dass ausgerechnet ein Mann aus dem Zentrum der italienischen Weinwelt für den albanischen Wein einsteht, macht seine Aussagen so wertvoll. Für Agron hat er unsere Fragen beantwortet – nach unserem Wissen sein erstes Interview für ein deutschsprachiges Medium.
Das Gespräch führten wir auf Albanisch; die Antworten sind übersetzt und redaktionell gekürzt und wurden von Artur Bodini vor Veröffentlichung freigegeben.
„Italienische Sommeliers schauen zu sehr aufs Etikett“
Agron: Was passiert, wenn italienische Sommeliers zum ersten Mal einen Vlosh oder Kallmet probieren?
Bodinis Antwort fällt bemerkenswert selbstkritisch für seine eigene Zunft aus – und als FISAR-Delegierter darf er sich dieses Urteil erlauben: Italienische Sommeliers ließen sich beim Verkosten albanischer Weine stark vom Etikett beeinflussen, zu stark. „Sie lassen sich nicht auf das Niveau ein, das ein albanischer Wein bieten kann, wenn man ihm die Gelegenheit gibt, sich zu beweisen.“ Der Fehler liege nicht im Glas, sondern im Kopf: Wer das Herkunftsland vor dem ersten Schluck bewertet, verkostet nicht mehr unvoreingenommen.
„Auf dem Niveau italienischer und französischer Weine“
Agron: Woran scheitert albanischer Wein bisher im Ausland?
An Vorurteilen, sagt Bodini – und benennt ehrlich, woher sie kommen: Es gebe eben auch zweitklassige albanische Weine. Aber das sei nur die halbe Wahrheit. Eine Reihe albanischer Weingüter produziere heute „genau wie italienische und französische Weingüter sehr, sehr gute Weine“. Das wiegt schwer, weil es von einem ausgebildeten Sommelier kommt, der Wein nach internationalen Maßstäben beurteilt – und der aus dem Zentrum der italienischen Weinwelt heraus einen solchen Vergleich zieht: Es ist kein Heimatstolz, sondern ein fachkundiges Urteil. Das Problem sei nur, dass die schwächsten Flaschen das Bild prägen, nicht die besten – ein Muster, das jede aufstrebende Weinnation durchläuft. Wie eng der Abstand wirklich ist, zeigt unser direkter Vergleich albanischer vs. italienischer Rotwein.
Der Einstieg: Shesh und Kallmet
Agron: Welche albanischen Rebsorten haben international das größte Potenzial?
Hier zögert der Sommelier nicht: Shesh und Kallmet seien international die beliebtesten albanischen Sorten – und genau die Weine, die man bei einer Albanien-Reise zuerst probieren sollte. Die Qualität der Trauben und damit der Weine sei auf sehr hohem Niveau. „Und wenn man dann noch den Preis bedenkt, ist es absolut fantastisch.“
Das deckt sich mit unserer Erfahrung: In unserer Übersicht der besten albanischen Weine stehen beide Sorten ganz oben – und wer sie zu Hause probieren will, findet in unserer Kaufberatung geprüfte Bezugsquellen.
Der Aufbruch der letzten fünf Jahre
Agron: Wie entwickelt sich der albanische und kosovarische Wein gerade?
Bodinis Blick auf die Gegenwart ist der optimistischste Teil des Gesprächs: Albanien und Kosovo hätten in den letzten fünf Jahren sowohl das nationale Niveau als auch den Export stark gesteigert. Beide Länder lieferten inzwischen nennenswerte Mengen ins Ausland – „vorher war es fast unmöglich, einen albanischen Wein nach Italien, Deutschland, Frankreich oder Spanien zu bringen“. Für den kosovarischen Aufbruch steht etwa Labi Wine aus Rahovec.
Als Motor sieht er die Diaspora: Albanische Gastronomen, die im Ausland Restaurants eröffnet haben, suchten gezielt nach Weinen aus der Heimat – Weine, die sie zu Hause probiert und für sehr gut befunden haben. „Sie wünschen sich, diese Weine auch in ihren Restaurants außerhalb Albaniens anzubieten. So steigt die Wertschätzung der Weine – und die der albanischen Weingüter.“
Zum Schluss wird Bodini grundsätzlich: Er wolle allen albanischen und kosovarischen Weingütern für ihre Arbeit danken. Sie produzierten qualitativ hochwertige Weine und achteten bewusst nicht auf Quantität – wenige Flaschen, dafür sehr hohe Qualität. Warum genau das einige dieser Weine zu echten Raritäten macht, zeigt unsere Übersicht der seltensten Weine Europas.
Unser Fazit
Wenn ein FISAR-Delegierter dem albanischen Wein dasselbe Niveau wie italienischen und französischen Spitzenweinen bescheinigt, ist das mehr als eine Meinung – es ist ein fachliches Gütesiegel. Bodinis Kernbotschaft: Albanischer Wein scheitert nicht an der Qualität, sondern an der Gelegenheit, sich zu beweisen. Die Vorurteile sitzen im Etikett, nicht im Glas – und der Export-Aufschwung der letzten fünf Jahre, getragen von der Diaspora, beginnt das zu ändern. Wer sich selbst überzeugen will, folgt seinem Rat und fängt mit einem Kallmet oder Shesh an – am besten vor Ort bei den Weingütern, oder über die Bezugsquellen unserer Kaufberatung.
Das Interview führten wir im Juli 2026 auf Albanisch. Übersetzung und Kürzung: Redaktion; alle Aussagen von Artur Bodini vor Veröffentlichung freigegeben.
Häufige Fragen
Wer ist Artur Bodini?
Artur Bodini ist Sommelier und Delegierter des italienischen Sommelierverbands FISAR für die Provinzen Lecce, Brindisi und Taranto. 1991 kam er als 17-Jähriger aus Albanien nach Italien; heute bildet er Sommeliers aus und gilt als Brückenfigur zwischen der italienischen und der albanischen Weinwelt.
Was ist FISAR?
FISAR (Federazione Italiana Sommelier Albergatori Ristoratori) ist einer der größten Sommelierverbände Italiens. Ein Delegierter leitet den Verband in einem bestimmten Gebiet – bei Artur Bodini sind das die apulischen Provinzen Lecce, Brindisi und Taranto. Als solcher verkostet und bewertet er regelmäßig italienische und internationale Weine.
Sind albanische Weine gut?
Laut FISAR-Sommelier Artur Bodini leiden albanische Weine noch unter Vorurteilen, weil es auch zweitklassige Ware gibt. Eine Reihe von Weingütern produziere aber auf demselben Niveau wie gute italienische und französische Häuser – bewusst in kleinen Mengen, mit Qualität vor Quantität.
Welchen albanischen Wein sollte man zuerst probieren?
Bodinis Empfehlung: mit Shesh und Kallmet beginnen. Beide Sorten sind international am bekanntesten, die Trauben- und Weinqualität ist hoch – und das Preis-Leistungs-Verhältnis nennt er schlicht fantastisch.