Amselfelder: Was aus Deutschlands meistgekauftem Rotwein wurde
Foto: Bleron Caka, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
In den 60ern und 70ern war Amselfelder Westdeutschlands meistgekaufter Rotwein – 650 Millionen Flaschen. Kaum jemand wusste, woher er kam.
Wenn in Westdeutschland in den Siebzigern eine Flasche Rotwein auf den Tisch kam, war sie mit hoher Wahrscheinlichkeit rot-golden etikettiert und hieß Amselfelder. Er stand bei Feiern auf dem Tisch, im Regal jedes Supermarkts, in Millionen Wohnzimmern. Was so gut wie niemand wusste: Dieser Wein kam aus dem Kosovo.
Deutschlands meistgekaufter Rotwein
Die Zahlen sind aus heutiger Sicht kaum zu fassen. In den 1960er- und 1970er-Jahren war der Amselfelder Westdeutschlands meistgekaufter Rotwein. Rund 30 Millionen Flaschen gingen Jahr für Jahr in die Bundesrepublik. Bis 1990/91 waren es insgesamt etwa 650 Millionen Flaschen, die allein in Deutschland verkauft wurden.
Dahinter stand eine gewaltige Produktion: Auf rund 8.000 Hektar Rebfläche entstanden zu Spitzenzeiten bis zu 60 Millionen Liter Wein pro Jahr. Anfang der 1990er lag der Jahresumsatz bei etwa 30 Millionen Mark.
Der Amselfelder in „Blackbird“
Wie fest der Amselfelder zum westdeutschen Alltag der Siebziger gehörte, zeigt „Blackbird“, der Roman von Matthias Brandt aus dem Jahr 2019. Er spielt Ende der Siebziger in der westdeutschen Provinz, die ARD hat ihn 2026 mit Bjarne Mädel verfilmt.
Der 15-jährige Motte und sein bester Freund Bogi kaufen zusammen zwei Flaschen Amselfelder und verstecken sie. Die Jungs geben dem Wein einen eigenen Spitznamen: „Blackbirdfielder“, eine Mischung aus Englisch und Deutsch, denn „Amsel“ heißt auf Englisch blackbird. Als Bogi schwer erkrankt, erinnert er Motte im Krankenhaus an die versteckten Flaschen. Nach seinem Tod holt Motte sie hervor, öffnet eine und stößt auf seinen Freund an.
Der Supermarkt-Rotwein wird so zum Bild für Freundschaft und Abschied. Und ganz nebenbei erinnert die Geschichte daran, was der Amselfelder damals war: der Wein, der in jedem Regal stand.
Wo der Amselfelder wirklich herkam
Gekeltert wurde er im Staatsbetrieb PKB Kosovovino, mit Sitz im Dorf Krusha e Vogël südlich von Rahovec – mitten in der Weinregion Prizren im Kosovo, damals Teil Jugoslawiens. Entdeckt und in Deutschland vermarktet wurde der Wein von der Firma Racke aus Bingen am Rhein.
Der Name führte dabei in die Irre – oder besser: Er verschwieg. „Amselfeld” ist der historische deutsche Name der Kosovo-Ebene, benannt nach der Schlacht von 1389. Für den deutschen Käufer klang das nach nichts Bestimmtem, jedenfalls nicht nach Balkan. Ein Wein aus dem Kosovo, verkauft unter einem Namen, den kaum jemand einordnen konnte.
Die Trauben: Vranac war dabei
Der Amselfelder war eine liebliche Rotwein-Cuvée – und ihr Verschnitt verrät seine Herkunft: Gamay, Cabernet Sauvignon, Spätburgunder, Vranac und Prokupac. Die letzten beiden sind keine internationalen Sorten, sondern einheimische Balkan-Trauben.
Besonders interessant ist der Vranac (albanisch: Vranç): eine der ältesten roten Rebsorten des Balkans, tiefdunkel, kräftig, tanninreich – Teil jener alten Balkan-Weingeschichte, die weit älter ist als die meisten Namen im Regal. Sie wächst in der Region um Rahovec bis heute – dieselbe Sorte, in derselben Landschaft, aus der schon der Amselfelder stammte.
Warum er verschwand
Die Kriegswirren der 1990er-Jahre beendeten die Geschichte abrupt: Die Weinproduktion kam komplett zum Erliegen. Für Racke war das ein Problem – die Marke war stark, der Nachschub weg.
Die Lösung war pragmatisch und ein wenig ernüchternd: Ab 1993 brachte Racke den „Amselkeller” auf den Markt – einen spanischen Wein. Der Klang blieb, die Herkunft war eine andere. Wer heute im Supermarkt nach dem Wein von damals sucht, hält also unter Umständen etwas in der Hand, das mit dem Kosovo nichts mehr zu tun hat.
Der Amselfelder bei EDEKA: Was steckt drin?
Wer nach dem Film in den Supermarkt geht, wird tatsächlich fündig: Unter dem Namen Amselfelder steht etwa bei EDEKA und Globus ein Rotwein im Regal, lieblich oder halbtrocken, für rund 3 Euro die Flasche. Mit dem Wein aus „Blackbird“ hat er aber nur noch den Namen gemeinsam. Laut Angaben des Online-Supermarkts myTime stammt er aus Spanien, abgefüllt wird er von der Weinkellerei Hechtsheim in Mainz.
Kurz gesagt: Das Etikett lebt weiter, der Wein aus dem Kosovo nicht. Wer wissen will, wie die Trauben von damals heute schmecken, muss zu einem anderen Regal greifen.
Gibt es den Amselfelder noch zu kaufen?
Den Amselfelder von damals gibt es nicht mehr. Die Trauben von damals aber schon. Vranac und Prokupac wachsen bis heute in denselben Weinbergen um Rahovec, und kleine Familienweingüter füllen sie inzwischen unter eigenem Namen ab. Einige davon kannst du in Deutschland bestellen.
Ein Unterschied vorweg: Der Amselfelder war lieblich, die Weine von heute sind trocken. Wer den kräftigen, dunklen Charakter der Balkan-Trauben sucht, wird hier fündig. Wer es süß mag, eher nicht.
Mehr über das Weingut hinter Vranina und Ilirida steht in unserem Porträt von Tradita. Alle Wege zu Kosovo-Wein in Deutschland zeigt unser Überblick Kosovo-Wein.
Was heute in Rahovec passiert
Die eigentliche Pointe dieser Geschichte ist aber nicht das Ende, sondern was danach kam. Die Weinberge um Rahovec sind noch da. Die Vranac-Traube ist noch da. Und die Familienbetriebe, die früher anonym in einen deutschen Markenwein zulieferten, keltern heute unter eigenem Namen.
Ein Beispiel ist Labi Wine aus Rahovec: 2009 als eigene Marke registriert, handgelesen, mit Vranç als Leitsorte. Ihr Vranç Reserve 2020 gewann beim Concours International de Lyon 2024 Gold – und dazu die Trophäe als bester Wein Kosovos im Wettbewerb.
Das ist der Unterschied zwischen damals und heute: Früher floss der Wein des Kosovo namenlos in eine deutsche Marke. Heute steht der Name des Erzeugers auf der Flasche. Der italienische FISAR-Sommelier Artur Bodini beschreibt genau diesen Aufbruch: In den letzten fünf Jahren hätten Kosovo und Albanien ihren Export stark gesteigert – getragen von der Diaspora, die ihre heimischen Weine im Ausland sucht. Mehr dazu in unserem Interview.
Unser Fazit
Der Amselfelder ist ein Stück deutscher Alltagsgeschichte – und zugleich ein Stück Weingeschichte des Balkans, das in Deutschland nie erzählt wurde. 650 Millionen Flaschen, und kaum jemand wusste, aus welchem Land sie kamen. Wer heute wissen will, wie diese Weinregion schmeckt, muss nicht in die Vergangenheit schauen: Der Wein aus dem Kosovo gibt es wieder – nur diesmal mit Absender. Wie sich das in die größere Geschichte des Weinbaus dieser Region einfügt, liest du in unserem Überblick; welche Raritäten die Gegend sonst zu bieten hat, hier.
Wie groß der Weinbau im Kosovo heute ist – Rebfläche, Sorten, Kellereien –, zeigen die amtlichen Zahlen auf unserer Seite Albanischer und kosovarischer Wein in Zahlen.
Quellen: Wikipedia – Amselfelder (Produktionsort, Rebsorten, Verkaufszahlen, Racke, Amselkeller ab 1993); wein.plus Weinlexikon – Amselfelder (Herkunft, Rebsorten, Vermarktung durch Racke); Concours International de Lyon (Auszeichnung Labi Wine 2024); zu „Blackbird“: FILMSTARTS (ARD-Verfilmung 2026), buchhilfe.net (Inhalt des Romans); zum heutigen Supermarkt-Amselfelder: myTime.de (Herkunft Spanien, Abfüller), supermarktcheck.de (Preis, Händler). Stand: Oktober 2026.
Häufige Fragen
Woher kam der Amselfelder?
Aus dem Kosovo. Gekeltert wurde er im Staatsbetrieb PKB Kosovovino im Dorf Krusha e Vogël südlich von Rahovec, in der Weinregion Prizren. Vermarktet wurde er in Deutschland von der Firma Racke aus Bingen am Rhein. Der Name leitet sich vom Amselfeld ab, dem historischen Namen der Kosovo-Ebene.
Aus welchen Trauben bestand der Amselfelder?
Er war eine liebliche Rotwein-Cuvée aus Gamay, Cabernet Sauvignon, Spätburgunder, Vranac und Prokupac. Vranac und Prokupac sind einheimische Balkan-Sorten – Vranac wird in der Region um Rahovec bis heute angebaut.
Wie erfolgreich war der Amselfelder?
Sehr: In den 1960er- und 1970er-Jahren war er Westdeutschlands meistgekaufter Rotwein. Rund 30 Millionen Flaschen gingen jährlich nach Westdeutschland; bis 1990/91 wurden insgesamt etwa 650 Millionen Flaschen in Deutschland verkauft. Auf rund 8.000 Hektar entstanden bis zu 60 Millionen Liter pro Jahr.
Gibt es den Amselfelder noch?
Die Produktion im Kosovo kam in den 1990er-Jahren durch den Krieg komplett zum Erliegen. Racke ersetzte den Wein ab 1993 durch den 'Amselkeller' – einen spanischen Wein. Der Markenname existiert weiter: Unter dem Namen Amselfelder steht etwa bei EDEKA und Globus ein Rotwein für rund 3 Euro im Regal, der laut Händlerangaben aus Spanien stammt. Der ursprüngliche Wein aus dem Kosovo ist das nicht mehr. Die Trauben von damals, Vranac und Prokupac aus der Region Rahovec, gibt es aber wieder zu kaufen: etwa die Vranina und den Ilirida vom Familienweingut Tradita oder den Vranç i Vjetër von Anadrini beim Weinhaus Fehser – allerdings trocken, nicht lieblich wie der Amselfelder.
Was ist der Unterschied zwischen Amselfelder und Amselkeller?
Der Amselfelder war der Originalwein aus dem Kosovo. Der Amselkeller ist der spanische Nachfolger, den Racke ab 1993 auf den Markt brachte, nachdem die Produktion im Kosovo durch den Krieg zusammengebrochen war. Gleicher Klang, andere Herkunft.
Welche Rolle spielt der Amselfelder in „Blackbird“?
In Matthias Brandts Roman „Blackbird“ (2019), den die ARD 2026 mit Bjarne Mädel verfilmt hat, kaufen die beiden Freunde Motte und Bogi zusammen zwei Flaschen Amselfelder und verstecken sie. Die Jungs nennen ihn scherzhaft „Blackbirdfielder“. Der Wein wird zum Symbol ihrer Freundschaft: Nach Bogis Tod öffnet Motte eine der Flaschen und stößt auf ihn an.