Zum Inhalt springen

Das Magazin für albanischen Wein & Feinkost

Von Illyrien ins Glas

Amselfelder: Was aus Deutschlands meistgekauftem Rotwein wurde

In den 60ern und 70ern war Amselfelder Westdeutschlands meistgekaufter Rotwein – 650 Millionen Flaschen. Kaum jemand wusste, woher er kam.

Von Dennis Shalja · · 7 Min. Lesezeit

Reife Vranac-Trauben am Rebstock in der Weinregion um Rahovec im Kosovo
Foto: Labi Wine

Wenn in Westdeutschland in den Siebzigern eine Flasche Rotwein auf den Tisch kam, war sie mit hoher Wahrscheinlichkeit rot-golden etikettiert und hieß Amselfelder. Er stand bei Feiern auf dem Tisch, im Regal jedes Supermarkts, in Millionen Wohnzimmern. Was so gut wie niemand wusste: Dieser Wein kam aus dem Kosovo.

Deutschlands meistgekaufter Rotwein

Die Zahlen sind aus heutiger Sicht kaum zu fassen. In den 1960er- und 1970er-Jahren war der Amselfelder Westdeutschlands meistgekaufter Rotwein. Rund 30 Millionen Flaschen gingen Jahr für Jahr in die Bundesrepublik. Bis 1990/91 waren es insgesamt etwa 650 Millionen Flaschen, die allein in Deutschland verkauft wurden.

Dahinter stand eine gewaltige Produktion: Auf rund 8.000 Hektar Rebfläche entstanden zu Spitzenzeiten bis zu 60 Millionen Liter Wein pro Jahr. Anfang der 1990er lag der Jahresumsatz bei etwa 30 Millionen Mark.

Wo der Amselfelder wirklich herkam

Gekeltert wurde er im Staatsbetrieb PKB Kosovovino, mit Sitz im Dorf Krusha e Vogël südlich von Rahovec – mitten in der Weinregion Prizren im Kosovo, damals Teil Jugoslawiens. Entdeckt und in Deutschland vermarktet wurde der Wein von der Firma Racke aus Bingen am Rhein.

Der Name führte dabei in die Irre – oder besser: Er verschwieg. „Amselfeld” ist der historische deutsche Name der Kosovo-Ebene, benannt nach der Schlacht von 1389. Für den deutschen Käufer klang das nach nichts Bestimmtem, jedenfalls nicht nach Balkan. Ein Wein aus dem Kosovo, verkauft unter einem Namen, den kaum jemand einordnen konnte.

Die Trauben: Vranac war dabei

Der Amselfelder war eine liebliche Rotwein-Cuvée – und ihr Verschnitt verrät seine Herkunft: Gamay, Cabernet Sauvignon, Spätburgunder, Vranac und Prokupac. Die letzten beiden sind keine internationalen Sorten, sondern einheimische Balkan-Trauben.

Besonders interessant ist der Vranac (albanisch: Vranç): eine der ältesten roten Rebsorten des Balkans, tiefdunkel, kräftig, tanninreich – Teil jener alten Balkan-Weingeschichte, die weit älter ist als die meisten Namen im Regal. Sie wächst in der Region um Rahovec bis heute – dieselbe Sorte, in derselben Landschaft, aus der schon der Amselfelder stammte.

Warum er verschwand

Die Kriegswirren der 1990er-Jahre beendeten die Geschichte abrupt: Die Weinproduktion kam komplett zum Erliegen. Für Racke war das ein Problem – die Marke war stark, der Nachschub weg.

Die Lösung war pragmatisch und ein wenig ernüchternd: Ab 1993 brachte Racke den „Amselkeller” auf den Markt – einen spanischen Wein. Der Klang blieb, die Herkunft war eine andere. Wer heute im Supermarkt nach dem Wein von damals sucht, hält also unter Umständen etwas in der Hand, das mit dem Kosovo nichts mehr zu tun hat.

Was heute in Rahovec passiert

Die eigentliche Pointe dieser Geschichte ist aber nicht das Ende, sondern was danach kam. Die Weinberge um Rahovec sind noch da. Die Vranac-Traube ist noch da. Und die Familienbetriebe, die früher anonym in einen deutschen Markenwein zulieferten, keltern heute unter eigenem Namen.

Ein Beispiel ist Labi Wine aus Rahovec: 2009 als eigene Marke registriert, handgelesen, mit Vranç als Leitsorte. Ihr Vranç Reserve 2020 gewann beim Concours International de Lyon 2024 Gold – und dazu die Trophäe als bester Wein Kosovos im Wettbewerb.

Das ist der Unterschied zwischen damals und heute: Früher floss der Wein des Kosovo namenlos in eine deutsche Marke. Heute steht der Name des Erzeugers auf der Flasche. Der italienische FISAR-Sommelier Artur Bodini beschreibt genau diesen Aufbruch: In den letzten fünf Jahren hätten Kosovo und Albanien ihren Export stark gesteigert – getragen von der Diaspora, die ihre heimischen Weine im Ausland sucht. Mehr dazu in unserem Interview.

Unser Fazit

Der Amselfelder ist ein Stück deutscher Alltagsgeschichte – und zugleich ein Stück Weingeschichte des Balkans, das in Deutschland nie erzählt wurde. 650 Millionen Flaschen, und kaum jemand wusste, aus welchem Land sie kamen. Wer heute wissen will, wie diese Weinregion schmeckt, muss nicht in die Vergangenheit schauen: Der Wein aus dem Kosovo gibt es wieder – nur diesmal mit Absender. Wie sich das in die größere Geschichte des Weinbaus dieser Region einfügt, liest du in unserem Überblick; welche Raritäten die Gegend sonst zu bieten hat, hier.


Quellen: Wikipedia – Amselfelder (Produktionsort, Rebsorten, Verkaufszahlen, Racke, Amselkeller ab 1993); wein.plus Weinlexikon – Amselfelder (Herkunft, Rebsorten, Vermarktung durch Racke); Concours International de Lyon (Auszeichnung Labi Wine 2024). Stand: Juli 2026.

Häufige Fragen

Woher kam der Amselfelder?

Aus dem Kosovo. Gekeltert wurde er im Staatsbetrieb PKB Kosovovino im Dorf Krusha e Vogël südlich von Rahovec, in der Weinregion Prizren. Vermarktet wurde er in Deutschland von der Firma Racke aus Bingen am Rhein. Der Name leitet sich vom Amselfeld ab, dem historischen Namen der Kosovo-Ebene.

Aus welchen Trauben bestand der Amselfelder?

Er war eine liebliche Rotwein-Cuvée aus Gamay, Cabernet Sauvignon, Spätburgunder, Vranac und Prokupac. Vranac und Prokupac sind einheimische Balkan-Sorten – Vranac wird in der Region um Rahovec bis heute angebaut.

Wie erfolgreich war der Amselfelder?

Sehr: In den 1960er- und 1970er-Jahren war er Westdeutschlands meistgekaufter Rotwein. Rund 30 Millionen Flaschen gingen jährlich nach Westdeutschland; bis 1990/91 wurden insgesamt etwa 650 Millionen Flaschen in Deutschland verkauft. Auf rund 8.000 Hektar entstanden bis zu 60 Millionen Liter pro Jahr.

Gibt es den Amselfelder noch?

Die Produktion im Kosovo kam in den 1990er-Jahren durch den Krieg komplett zum Erliegen. Racke ersetzte den Wein ab 1993 durch den 'Amselkeller' – einen spanischen Wein. Der Markenname existiert weiter, der ursprüngliche Wein aus dem Kosovo aber nicht mehr.

Was ist der Unterschied zwischen Amselfelder und Amselkeller?

Der Amselfelder war der Originalwein aus dem Kosovo. Der Amselkeller ist der spanische Nachfolger, den Racke ab 1993 auf den Markt brachte, nachdem die Produktion im Kosovo durch den Krieg zusammengebrochen war. Gleicher Klang, andere Herkunft.

Weiterlesen

Mehr aus der Rubrik Wissen & Ratgeber